Die Süddeutsche Zeitung 2005
Die 13saitige Gitarre Chiavi-Miolin - ein Porträt
„Wenn man ein neues Instrument entwickelt, knüpft man immer auch an eine Tradition an. Bei meinen Gitarren erfinde ich die meisten Elementenicht neu, sondern greife z.T. auf bereits Dagewesenes zurück - neu ist nur die Kombination dieser Elemente", erklärt der Gitarrenbauer Ermanno Chiavi.
Bei dem Auftrag, den er von dem Züricher Gitarrenprofessor Anders Miolin erhielt, war dies jedoch etwas komplizierter. Er sollte für den schwedischen Musiker eine 13saitige Gitarre bauen mit sieben zusätzlichen Basssaiten - ein Instrument also, das in dieser Form noch gar nicht existierte. Anders Miolin hatte sehr genaue Vorstellungen und stellte einen Wunschkatalog zusammen. Als Tonumfang wünschte er fünf Oktaven, die Gitarre sollte mit Kapodaster (verschiebbarer Bund) und mit konventioneller Technik gespielt werden können - vom Klang erhoffte sich der Gitarrist ein grosses Volumen und hohe Transparenz. Miolin wollte mit der 13saitigen Gitarre ein Instrument zur Verfügung haben, mit dem er die gesamte Gitarrenliteratur, die die Werke für Laute einschliesst, in originaler Notation spielen kann.
Direkte historische Vorbilder für solch eine Gitarre gab es für Ermanno Chiavi also nicht - er musste eine Form erfinden, die die musikalischen Vorgaben realisieren konnte. Die ersten Zeichnungen und Entwürfe am Computer waren schnell gemacht; die Probleme ergaben sich erst bei der konkreten technischen Umsetzung: „Auch bei dieser Gitarre habe ich versucht, bewährte Konstruktionen in die neue Form zu integrieren. Als Massstab galt für mich immer: so wenig Veränderung wie möglich", erläutert der Gitarrenbauer.
Das Ergebnis - die 13saitige Gitarre Chiavi-Miolin -kombiniert Altes und Neues auf eine dezente wie klanglich höchst überzeugendeWeise.
Die Mechanikwellen für die Saiten sind bei dieser Gitarre am Kopf nicht übereinander, sondern auf zwei Ebenen angeordnet. Der Vorteil: Der Kopf ist nicht wesentlich länger als bei einer normalen Gitarre, das Gewicht wird auf ein Minimum reduziert. Ausserdem ermöglich diese Konstruktion einen optimalen Saitenverlauf, da die Saiten nahezu gerade über den Sattel verlaufen-die Schwingungen werden dadurch effizienter übertragen.
Das Griffbrett erstreckt sich nur bei den ersten drei Bündenüber die gesamte Breite, danach verjüngt es sich allmählich. So kann die Gitarre in tiefer Lage mit Kapodaster gespielt werden; gleichzeitig reduziertsich durch diese Form aber auch das Gewicht des Griffbretts, was wiederum klangliche Verbesserungen mit sich bringt.
Chiavis Idee, den gesamten Resonanzkörper der Gitarre zum Griffbrett hin leicht zu kippen, hat gleich zwei Vorteile. Durch die entstandene Neigung wird zum einen die Übertragung der Schwingungen von der Saite auf die Decke verbessert - das Instrument klingt lauter und tragfähiger. Zum anderen wird durch den entstandenen Abstand zwischen Decke und Griffbrettdas Spielen in den hohen Lagen wesentlich erleichtert - die linke Hand erhältmehr Platz und kann entspannter bewegt werden.
Die Beleistung der Decke fertigte Chiavi nicht nach der gewöhnlichen, auf den spanischen Gitarrenbauer Torres (19. Jhdt.) zurückgehenden fächerförmigen Form an, sondern mittels einer regelmässigen gitterartige Struktur. Durch dieses, bereits in den 30er Jahren verwendete Beleistungssystem werden die Schwingungen ganz gleichmässig verteilt, die Decke konnte deshalb sehr dünn ausgearbeitet werden: „Gerade bei dreizehn Saiten ist natürlich die gleichmässige Schwingungsverteilung ganz entscheidend, andernfalls wären einzelne Register lauter als andere", sagt Ermanno Chiavi. „Diese Ausgeglichenheit der Register und die klare Definition der Töne entspricht auch meinem Klangideal und ist beispielsweise für die Interpretation zeitgenössischer Musik unabdingbar".
Auch die Verschiebung des Schalllochs nach oben hat ein historisches Vorbild. Diese Eigenart wurde vom spanischen Gitarrenbauer Simplicio entwickelt, konnte sich aber aus ästhetischen Gründen nicht durchsetzen. Der Klang verstärkt sich durch diese Massnahme erheblich, weil sich die Schwingungsfläche der Decke um etwa ein Drittel gegenüber der konventionellen Gitarre vergrössert.
Die 13saitige Gitarre Chiavi-Miolin, ein Forschungsprojektder Hochschule für Musik und Theater Zürich, gewinnt ihre Faszination durch die Verbindung neuer Spielmöglichkeiten mit alten Klangprinzipien. Sie vereint viele Instrumente und Techniken in sich und steht damit fest in der Traditiondes Gitarrenbaus. Sie ist kein Theorieprodukt, sondern das Ergebnis einer langen Auseinandersetzung mit praktischen Problemen im Gitarrenspiel. Ihre Faszination entfaltet sich nicht auf wissenschaftlichen Kongressen, sondern im Konzertsaal - dafür wurde sie gebaut.
