Südostschweizer Tagblatt 2005

Der Gitarren-Meister aus dem Puschlav – Ein Porträt eines erfolgreichen Gitarrenbauers

Der Puschlaver Ermanno Chiavi, ist seit nunmehr 20 Jahren eine feste Grösse in der schweizer Musikszene. Er macht jedoch nicht als Musiker von sich reden, sondern als angesehener Gitarrenbauer. Gefeiert wird dieses Jubiläum am Wochenende im Theater Neumarkt in Zürich.

von Franco Brunner

Der Weg in das Atelier des 49jährigen Bündners, bei der Maag Event Hall in Zürich, entpuppt sich als wahrer Irrgarten. Enge Treppen schlängeln sich in die Höhe. Man durchquert die engsten Winkel der Arbeitsräume von anderen Kunstschaffenden im Gebäude, bis man plötzlich, ganz am Ende, in mitten der kleinen aber feinen Werkstätte des Gitarrenbauers steht. Der Meister selbst ist am Werk, und man ist fast nicht getraut ihn zu stören. Doch mit einem einladenden Lächeln wird man hinein gebeten. „Das mag ich eben an diesem Arbeitsklima hier", erklärt Chiavi, „man ist zwar schön abgeschieden, doch dank der Arbeitsgemeinschaft trotzdem nicht ganz alleine." Es ist immer etwas in Bewegung, genau wie Chiavis Gedanken über den Bau der nächsten Gitarre.

Vom Reparieren zum Herstellen

Ermanno Chiavi begann im Alter von 29 Jahren mit dem professionellen Gitarrenbau. Nach vielen gesammelten Erfahrungen, wie zum Beispiel in seinem ersten Beruf als Primarlehrer, als Kinder- und Behindertenbetreuer, sowie als Kulturanimator fürPro Helvetia, verschlug es ihn für einige Semester an die Jazzschule nach Bern. Doch ihm wurde schnell klar, dass er eigentlich kein Musiker ist. So kam er, über das Reparieren zahlreicher Instrumente, in Kontakt mit verschiedenen hochklassigen Gitarren. „Jedes Instrument ist ein Gebilde, das aus einer Art besonderen Sprache entwickelt wurde, und diese gilt es zu verstehen", erzählt Chiavi. So ist es nicht weiter verwunderlich, dass er im zarten Alter von 12 Jahren, seine erste eigene Gitarre dann auch gleich selber herstellte. Mittlerweile ist er zu einem Meister seines Fachs geworden. Die Warteliste für den Bau einer echten „Chiavi", beträgt daher nicht selten über ein Jahr. Im Schnitt liegt knapp ein Monat Arbeit in solch einer Gitarre, welche dann auch schon mal den stolzen Preis von 8000 - 12000.- aufweisen kann. Chiavi nimmt immer nur ein neues Projekt - sprich eine Gitarre nach der Anderen - in Angriff. Anders wäre es vielleicht wirtschaftlicher, doch dies entspricht nicht dem Naturell des Gitarren - Virtuosen. Er konzentriere sich immer nur auf eine Arbeit, damit diese auch so perfekt wie möglich gelingt.

Schlichte Handarbeit

Gelernt hat der Bündner sein Handwerk im Ausland. Die Deutschen Gerold Hannabach und Margarete Brunswicker waren seine Mentoren. „In der Schweiz hat der Beruf des Gitarrenbauers keinen Status", erklärt er resigniert. In der Tat, Gitarrenbauerist in der Schweiz kein eingetragener Beruf. Doch auch in Deutschland war es nicht einfach. Zuerst bekam Chiavi das Angebot, Hannabachs Reparaturkurse zu besuchen, bevor er eine eigens finanzierte Anlehre beginnen durfte. Mittlerweile hat sich so einiges verändert. Die Maschinen und die Klangforschung wurde immer besser, doch gemäss Chiavi ist beim Bauen einerGitarre der Anteil an Handarbeit, an Körperarbeit - sehen, hören, tasten -immer noch das Wesentliche.

Immer neue Herausforderungen

Das Design seiner Gitarren ist schlicht und klassisch und der Ton transparent und neutral. „Eines meiner wichtigsten Ziele ist es", fährt der Maestro fort, „einInstrument zu bauen, das in einem gewissen Sinne schlicht ist, aber hochgradigreaktionsfähig." Bei diesen Erläuterungen merkt man, dass auch nach 20 Jahren seine Leidenschaft noch nicht erloschen ist. Ein weiteres Beispiel seiner stetigen Weiterentwicklung - oder wie er es nennt, den laufenden Prozess der Verbesserung - ist das vor zwei Jahren entstandene Projekt einer 13saitigen! Gitarre. Beim Auftrag des schwedischen Musikers Anders Miolin, wagte sich Chiavi in völlig unbekannte Sphären. Doch auch diese Spezial - Gitarre, mit einem Tonumfang von fünf Oktaven, stellt den Handwerker nicht vor allzu grosse Probleme. Das Projekt wurde realisiert und war ein voller Erfolg. Nicht nur,dass er schon einige weitere solcher Gitarren herstellen durfte, sogar auch eine Forschungsgruppe der Hochschule für Musik und Theater Zürich, widmet sichd iesem Wahnsinnsinstrument. So ist er eben, der Bündner Gitarrenbauer von Zürich, keine Herausforderung ist zu gross, um nicht in Angriff genommen zu werden.