Zürcher Tagesanzeiger, Juni 2004
Eine neue Gitarre – mit fünf Oktaven Tonumfang
Der Forschungsauftrag der Hochschule Musik und Theater Zürich (HMT) zeitigt Resultate. Jüngstes Beispiel: Eine 13-saitige Gitarre. Wie hoch sie klingt, bestimmt die Anzahl Bünde, die Bassgrenze ist durch ihre tiefste Saite bestimmt: dreieinhalb Oktaven bietet das Griffbrett einer konventionellen Gitarre. Zu wenig, fand der Gitarrist Anders Miolin.
Seit je pflegt der schwedische Virtuose, der in der Schweiz lebt und an der HMT Zürich eine Gitarrenklasse leitet, neben dem originalen Gitarrenrepetoire auch die Kunst der Transkription. Klavierstücke von Chopin bis Ravel und Satie hat er seinem Instrument angepasst, besonders aber galt seine Sehnsucht der barocken Lautenmusik. Doch ausgerechnet diese lässt sich auf die normale Gitarre nur mit unschön zu transportierenden Basslinien übertragen.Die Konsequenz war klar: Die Gitarre braucht zusätzliche Saiten, und zwar am besten gleich die Töne einer ganzen Oktave. Im Zürcher Atelier von Ermanno Chiavi wurden diese nun im Rahmen eines HMT-Forschungsprojekts hinzugefügt. Um sieben diatonisch absteigende Saiten hat der Puschlaver Gitarrenbauer die sechs herkömmlichen ergänzt, hat außerdem in der Höhe fünf zusätzliche Bünde angebracht und damit den Tonumfang auf ganze fünf Oktaven erweitert. Neu sind solche Experimente nicht. Die Gitarristen seien zwar ein konservatives Volk, sagt Anders Miolin, doch seien immer wieder Erweiterungsversuche unternommen worden.
Er selber spielte längere Zeit eine 11-saitige Altgitarre, die aber ein beschränktes dynamisches Spektrum hatte, und daneben einkräftiges, normal gestimmtes 10-saitiges Instrument. Starker, variabler Klang Beides, starken Klang und großen Tonumfang, zu vereinen, war nun der Wunsch, den er an Ermanno Chiavi richtete. Zwei Jahre lang hat dieser darauf Ideen und Anregungen gesammelt, hat nachgedacht, ausprobiert, am Computer und mit Holz experimentiert, bis eine Lösung gefunden war, die all die komplexen Faktoreneines akustischen Instruments optimal kombinierte. Die also nicht das Klangvolumen auf Kosten der Klangschönheit oder den Tonumfang auf jene der konstruktiven Stabilität strapazierte.
Und so sieht nun die neue „Chiavi-Miolin“-Gitarre aus: Sie hat ein erheblich breiteres Griffbrett für alle 13 Saiten (also auch für die leer gespielten neuen Basssaiten, was die Verwendung eines Kapodasters möglich macht), ein von der Mitte an den oberen Rand verschobenes Schallloch, eine neue Leistenstruktur des Korpus, einen breiten Kopf, auf dem die Mechanikwellen über- und nebeneinander angebracht sind, und eine vom Griffbrett weggeneigte Decke. Alles zusammen ergibt nicht nur einen außerordentlich vollen, sondern auch einen sehr variablen Klang. Manchmal erinnert er tatsächlich an eine Laute, manchmal meintman auch, eine Harfe zu hören. Und mit seinem Klangvolumen kann das neue Instrument problemlos in kammermusikalischen Kombinationen bestehen, ohne auf Schonung durch die Mitmusiker oder besonders gespitzte Zuhörerohren angewiesen zu sein. Es zu spielen,brauche etwas Gewöhnung, sei aber jedem versierten Gitarristen problemlos möglich, sagt Anders Miolin.
Vier Instrumente hat Ermanno Chiavi bereits fertig gestellt, ein fünftes ist inArbeit. Bereits haben auch Studierende aus Miolins Klasse darauf zu üben begonnen, und die Fachwelt reagiert mit Interesse. Anders Miolin hofft nun auf ein ebensolches seitens der Komponisten, auf dass das Repertoire nicht nur umTranskriptionen alter Musik, sondern auch um Neues bereichert werde. Die Chiavi-Miolin-Gitarre wird am Mittwoch, 19.30 h, in der Musikhochschule, Florhofasse 6, in einem Konzertvorgestellt.
Tages-Anzeiger vom Dienstag, 15. Juni 2004
Von Michael Eidenbenz
